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SÜDKURIER Konstanz: Hoffen, dass Mama verzeiht – was das Besuchsverbot bei dementen Senioren und ihren Familien anrichtet

09.05.2020
Ein Archivbild aus besseren Zeiten: Eine Mitarbeiterin hält einer Patientin die Hand. Das ist jetzt nur noch mit Schutzausrüstung möglich. | Bild: Seeger/dpa

Die Konstanzer Einrichtungen bereiten sich nach Wochen des Besuchsverbots darauf vor, dass die Bewohner wieder ihre engsten Angehörigen empfangen können. Kurz vor dem Muttertag. Die vergangenen Wochen waren für Kinder von Pflegebedürftigen eine Zerreißprobe, wie eine Konstanzerin erzählt, deren demente Mutter glaubt, sie sei im Heim vergessen.

VON E VA MA R I E S T EGMA NN

„Uns geht es gut, das Problem ist Madame“, sagt Gundula H. und lacht traurig. Die Konstanzerin mag ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Und eigentlich spreche sie auch nicht gerne über das, was sie und ihr Bruder gerade durchmachen.
Weswegen sie nachts kaum schlafen könne seit dem 13. April. „Aber in der Öffentlichkeit kommt das viel zu kurz und ich glaube, es betrifft viele.“ Die Mutter der 60-Jährigen ist im Pflegeheim. Und dement.

„Ihr habt mich abgeschoben!“

Gundula H. und ihr Bruder können sie nicht besuchen – jedes Mal, wenn sie sie anrufen, beschimpft die 90-Jährige ihre Kinder. „Warum besucht ihr mich nicht? Ihr habt mich abgeschoben! Ihr wollt doch nur an mein Geld!“ Sie ist verzweifelt.
„Sie versteht nicht, dass wir sie nicht besuchen können. Sie weiß oft nicht, wo sie sich befindet. Ich mache mir solche Sorgen“, sagt die Konstanzerin und zündet sich eine Zigarette an.

Wenige Wochen vor Corona ging es steil bergab
Nun ist das Besuchsverbot gelockert. Gundula H. sagt: „Es ist so viel kaputt gegangen in der Zeit. Wir konnten sie kein einziges Mal besuchen, seit sie im Heim ist. Klar, dass sie denkt, wir hätten sie allein gelassen.“ Zur Pflege habe es jedoch keine Alternative mehr gegeben. Vier, fünf Wochen vor Corona fing die 90-Jährige an, leicht dement zu werden. Dann ging es steil bergab.
Abwechselnd haben, sagt Gundula H., sie und ihr Bruder Nachtschichten bei der Mutter im vierten Stock geschoben. „Nachts um zwei wollte sie Mittagessen kochen. Einmal stieg sie nachts auf einen Stuhl, der direkt neben dem Balkongeländer stand.“ Viele Menschen in Pflege- und Seniorenheimen sind dement. Während einige noch verstehen, was der Coronavirus ist, warum sie keinen Besuch bekommen dürfen, fällt das anderen schwerer.
Die Welt, in der sie lebt, ist für sie real
„Die anderen bekommen schließlich auch Besuch!“, schreit Gundula H.´s Mutter am Telefon. Auch, wenn das nicht stimmt. Die alte Dame ist davon überzeugt, es ist die Welt, in der sie lebt – und sie fühlt den Schmerz über das vermeintliche Verlassen-Worden-Sein.
„Viele Senioren sind am Anschlag. Teilweise ist es schrecklich, das fasst einen richtig an, diese ganze Sache“, sagt Andreas Voß, Direktor der Konstanzer Spitalstiftung. Er spricht nicht über die Mutter von Gundula H., sie lebt in einem anderen Pflegeheim. Aber: Fälle wie diese gebe es viele.

Bald ist Muttertag

Die Einrichtungen der Spitalstiftung bereiten sich nun darauf vor, dass Verwandte ihre Angehörigen wieder sehen dürfen. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat in seiner letzten Ansprache gesagt, zum Muttertag könne wieder Besuch empfangen werden. Am Donnerstagnachmittag war dazu aber noch nichts Schriftliches bei Andreas Voß angekommen.

Besuchsräume wurden geschaffen

Weil bekannt war, dass Lockerungen anstehen, haben die zur Spitalstiftung gehörenden Häuser vorgesorgt – und Besuchsräume geschaffen. „Ob draußen an den Zäunen oder im Inneren – je nachdem, was möglich ist“, sagt Andreas Voß.
Wichtig ist, betont Voß, dass sich die Besucher anmelden. „Dass es eine gewisse Ordnung hat, so, dass nicht 15 Personen auf einmal aufeinander sitzen.“ Dass die Hygiene- und Abstandsregeln dabei eingehalten werden und alle Mundschutz tragen müssten, sei klar.

So unstrukturiert wie beim Shutdown

Das Telefon klingele in den Heimen ständig, seitdem Kretschmann die Lockerungen verkündet hat. Dass einen Tag später noch keine genaue Anweisung zur Umsetzung da war, findet Andreas Voß eher suboptimal. „Es ist wieder alles sehr kurzfristig. So unstrukturiert, wie es beim Shutdown war, ist es nun wieder“, sagt er.

Eine der stationären Pflegeeinrichtungen der Spitalstiftung ist das Luisenheim nahe dem Klinikum. Die 85-jährige Gerda Ganser sitzt auf einem gepolsterten Holzstuhl im Tagesgruppenbereich.
Der Tisch vor ihr ist festlich geschmückt. Eine rosa Decke, darauf ein Blümchenstock mit Schleifen in ähnlichen Farben. Im Hintergrund läuft klassische Musik. „Weil die Tagesgruppen momentan ausfallen, haben wir diesen Bereich zum Begegnungzentrum umgebaut“, sagt Pflegedienstleiter Axel Weber.

Auch Annette Bortfeldt vom Pflegemanagement und Heide-Rose Ye, die normalerweise mit den Tagesgruppen arbeitet, sind da. Die Besucher können durch den Seiteneingang hinein. So, dass die anderen Bewohner des Luisenheims keinen Kontakt mit ihnen haben werden.

Auch die Unterarme desinfizieren!

„Ganz wichtig“, sagt Axel Weber und deutet auf eine große Flasche Desinfektionsmittel. Er führt vor, wie man es richtig anwendet. Nicht zu wenig, auch die Fingerspitzen nicht vergessen und die Zwischenräume zwischen den Fingern. Die Unterarme müssen ebenfalls mit der Flüssigkeit behandelt werden.
„Der Hauptinfektionsweg ist aber immer noch die Tröpfcheninfektion“, sagt Weber. Deshalb hält das Luisenheim Mundschutz parat. Für die Bewohner und die Besucher. An den zwei Tischen dürfen jeweils ein Senior und ein Verwandter Platz nehmen.

Wie war es? „Ganz normal“

Der Sohn von Gerda Ganser war bereits am Tag vorher bei seiner Mutter. Zum Muttertag am Sonntag kommt Stefan wahrscheinlich wieder vorbei. „Und Frau Ganser, wie war es, als Sie ihren Stefan gestern zum ersten Mal wieder sehen konnten?“ Sie überlegt kurz. Dann hebt sie die Schultern und sagt: „Ganz normal.“ Pflegedienstleiter Axel Weber, Heide-Rose Ye und Annette Bortfeldt lachen.

Für das Wochenende haben sich etliche Besucher angemeldet. Zu viele dürfen es nicht werden. Vorsicht ist geboten. Insgesamt halten die drei Mitarbeiter den Schritt erster Lockerungen für angemessen, sagen sie. „Die Zeit ist eine spezielle Herausforderung. Wir tun alles, damit keine Trübnis aufkommt“, sagt Annette Bortfeldt.
Und Heide-Rose Ye: „Wir haben immer Zeit für unsere Bewohner. Mensch geht vor Material. Immer. Aber momentan besonders.“ Um zumindest virtuellen Kontakt mit den Angehörigen zu ermöglichen, wurden extra Tablets angeschafft. „Wir skypen“, sagt Ye.

Malteser-WG bleibt vorsichtig

Im Seniorenzentrum Konstanz der Malteser sieht Hausleitung Nicole Walter die Lockerungen mit gemischten Gefühlen. „Auf der einen Seite verstehe ich, dass die Familienmitglieder ihre Angehörigen besuchen möchten. Andererseits ist da die Fürsorgepflicht für unsere Bewohner. Wir müssen solange wie möglich vor Corona verschont bleiben.“
Auch hier folgt das Handeln der Maxime: Vorsicht ist geboten. Das sieht auch der WG-Rat der beiden Senioren-Wohngemeinschaften des Seniorenzentrums so.

Terminplan ist voll

Der Angehörige soll sich nur im jeweiligen Zimmer des Seniors auf- und auch dort den Mindestabstand einhalten. Mundschutz und Desinfektion sind Pflicht.

„Wir haben eine Terrasse und bieten den Angehörigen an, dass wir die Bewohner in den Garten bringen. Nach wie vor empfehlen wir jedoch die Besuche auf ein Minimum zu reduzieren“, sagt Nicole Walter. Die nächsten Tage sei man mit Terminen erst einmal voll.
Gundula H. hofft, dass alles gut wird
Am Sonntag ist Muttertag. Gundula H., deren demente Mutter glaubt, sie habe sie abgeschoben, will ein baldiges Wiedersehen. „Ich hoffe so, dass sie meinen Bruder und mich akzeptiert, dass noch nicht zu viel kaputt gegangen ist. Wir Angehörige wissen ja, warum wir warten müssen. Meine Mutter weiß es nicht.“

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