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Malteser Sigmaringen

SÜDKURIER Konstanz: Der Notfall ist Alltag für Konstanzer Sanitäter Thomas Dreier und Tobias Stoiber – wegen Corona müssen sie Patienten sogar warten lassen

07.05.2020
Das Infektionsschutz-Set ist jetzt ein Muss. | Bild: Thomas Häfner

Thomas Dreier und Tobias Stoiber von den Maltesern Konstanz fahren Rettungsdienste und leiten den Katastrophenschutz. Eigentlich kennen sie sich mit Infektionskrankheiten aus. Doch Corona ist tückisch.

VON EVA MARIE STEGMANN

Ein Samstag, 6 Uhr morgens: 60 Menschen warten bibbernd auf der Straße, gegenüber liegen Rauchschwaden über dem Gebäude, in denen die meisten von ihnen kurz zuvor noch schliefen. Das Schlimmste haben die Bewohner der ehemaligen Cherisy-Kaserne an diesem Tag Ende März schon hinter sich: Die Feuerwehr hat sie aus dem Gebäude gerettet. 76 Einsatzkräfte kämpfen gegen die Flammen im Keller. Doch wie geht es mit den Bewohnern weiter?

Kaum einer wollte in den Bus steigen

Das ist der Moment für die Schnelleinsatzgruppe vom Bevölkerungsschutz der Malteser. Sie kümmern sich um die Menschen, betreuen sie, versorgen sie – wenn notwendig- medizinisch. Die beiden ehrenamtlichen Leiter des Katastrophenschutzes sind Notfallsanitäter Thomas Dreier und Rettungssanitäter Tobias Stoiber. Über den Cherisy-Einsatz sagen sie heute: „Er hat uns viel gelehrt.“ Darüber, wie die Schnelleinsatzgruppe in Corona-Zeiten funktioniert. Funktionieren muss.

Thomas Dreier: „In solchen Fällen kommt ein Stadtbus. Darin können die Menschen warten, die in diesem Moment erst einmal obdachlos sind. Bis klar ist, wie es weitergeht. Als der Stadtbus jedoch an der Cherisy-Straße hielt, weigerte sich ein Teil der Betroffenen einzusteigen. Die Menschen hatten Angst, sich mit Covid-19 anzustecken. Sie standen lieber draußen in der Kälte, teilweise in Schlafanzügen. Es war schwierig für uns, den Überblick über sie zu behalten, sie haben sich zu sehr verteilt.“

50 Sets sind nun standardmäßig dabei

Seither ist klar: Nicht nur für die Retter selbst, sondern auch für die, denen sie helfen, braucht es in Corona-Zeiten Mundschutz und Handschuhe. 50 solcher Sets sind nun standardmäßig dabei. Außerdem müssen Fragen gestellt werden, jedem Einzelnen. Haben Sie Fieber, Husten, Atemprobleme? Falls ja, heißt es schnell handeln – und wenn nötig von den anderen trennen.
Tobias Stoiber: „Auch die internen Abläufe unter uns haben wir neu organisiert. Im Fall eines Alarms treffen 30 Helfer an der Dienststelle ein. Jetzt werden sie direkt beim Einkleiden mit Schutzkleidung ausgestattet. Und kommen sich nicht zu nahe.“

Corona verändert den Ausnahmezustand. Zu Einsätzen wie an der Cherisy-Kaserne werden Stoiber und Dreier selten gerufen. Doch auch der Alltag des Notfall- und des Rettungssanitäters ist anders. 180 Ehrenamtliche arbeiten bei den Maltesern im Bodenseeraum vorwiegend im Blaulichtdienst. Thomas Dreier ist Mitglied im Leitungsteam des Rettungsdienstes, der an der Friedrichstraße 23 in Konstanz seine Zentrale hat.

Wie tückisch Corona ist

Dreier: „Infektionskrankheiten an sich sind nichts Ungewöhnliches für uns, jeden Winter fahren wir Grippefälle oder mit dem Novovirus Infizierte. Das Handling, die Schutzmaßnahmen, das kennen wir. Neu für uns und das Tückische am Coronavirus ist: Auf der einen Seite versorgen wir Patienten, und zwar sehr nah, die möglicherweise ansteckend sind. Was wir aber nicht wissen, weil wir es ihnen nicht unbedingt anmerken, da viele Menschen Covid-19 ohne Symptome haben. Zeitgleich sind wir als Mitarbeiter eine Gefahr und könnten andere anstecken.“

Eingeschworene Gemeinschaft, die sich aus dem Weg gehen muss

Die Malteser sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Doch auf der Dienststelle geht man sich so gut wie möglich aus dem Weg. Schutzmaterialien, die vor Corona für zwei Monate ausreichten, sind nun innerhalb einer Woche weg.
Dreier: „Wenn ich weiß: Mein Gegenüber hat Covid-19 und ich muss an ihn ran. Dann ziehe ich eine Schutzbrille an, die FFP2-Maske und einen Schutzkittel. Das ist klar. Nun ist es aber so: Die Schwelle, bei der wir die komplette Schutzkleidung anlegen, ist so niedrig.“

„Ein Patient muss derzeit nur sagen: ‚Ich habe ein bisschen Fieber.‘ Was auch vorkommt: Jemand ruft bei der Leitstelle an und gibt irgendeine Meldung ab, bei der man nicht denken könnte, dass es um den Coronavirus geht. Dann kommt man in die Wohnung, zieht nicht die komplette Schutzkleidung an, steht im Wohnzimmer und dann erzählt er: ‚Ah, ich habe Fieber und kriege seit drei Tagen schwer Luft.‘ Und schon schleicht sich die Hälfte von uns wieder raus, um sich umzuziehen.“

Nicht genügend Schutzsets, der Patient muss warten

An dieser Stelle lachen Thomas Dreier und Tobias Stoiber. Ohnehin wird viel gelacht während des Gesprächs. Aber nur, wenn die beiden von sich erzählen. Jetzt ist Thomas Dreiers Stimme ernst und ruhig.
Dreier: „Ganz komisch ist das Gefühl bei den Einsätzen, bei denen von Anfang an der Verdacht besteht, dass es eine Infektion sein könnte. Man fährt zum Einsatzort, steigt aus und braucht zwei oder drei Minuten, bis man umgezogen ist. Das kenne ich so nicht. Dass da ein Patient ist, dem es nicht gut geht, der gerne dringend Hilfe hätte –und man selbst steht erst einmal draußen und zieht das komplette Schutzset an. Das Set immer von vorneherein zu tragen ist leider keine Option, da wir nicht so gut ausgestattet sind.“

Reagieren Menschen vorsichtiger auf sie?

Beide Männer geben viel für ihre Arbeit bei den Maltesern. Thomas Dreier ist einer, der auch auf der Dienststelle vorbeischaue, wenn er eigentlich Urlaub habe. Tobias Stoiber ist bei den Helfern seit er 14 Jahre alt ist. Reagieren die Menschen anders auf sie, seit die Corona-Pandemie ausgebrochen ist, vorsichtiger?
Stoiber: „Eher das Gegenteil. Ich bekomme tolles Feedback, die Leute bedanken sich, sagen, dass sie es super finden, wie wir uns engagieren. Ich habe keine Angst oder Ablehnung erfahren, weil ich bei den Maltesern bin und deshalb Virusträger sein könnte. Nein, gar nicht.“

Die Nachbarn sind neugieriger als sonst

Dreier: „Was mir auffällt: Wenn man auf der Straße steht und Schutzkleidung anlegt, kommen viel mehr Nachbarn als sonst raus, sind neugierig und wollen wissen, was los ist.“
Es sind Ausnahmesituationen, die für alle Mitarbeiter im Rettungsdienst die Regel sind: Wiederbelebung nach Herzinfarkt, volltrunkene Jugendliche, kollabierte Patienten. Damit sind Thomas Dreier und Tobias Stoiber vertraut. Sie bleiben, das sagen auch Kollegen über sie, im Notfall extrem ruhig – zwei coole Typen. Doch das Coronavirus und die Lagen, die noch kommen könnten, macht ihnen das Angst?
Beide schauen sich an und lachen. „Angst? Nein. Wir sind vorbereitet, so gut wir können, auch für den Katastrophenfall.“

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